"Am Anfang meiner Arbeit stand die Erkenntnis, dass Menschen, die sonst überhaupt keine Gemeinsamkeiten haben, sich auf einer sexuellen Ebene anziehen. Sie tun einander nicht gut, was dem Sex eine umso größere Bedeutung beimisst. Es ist wie eine Sucht, miteinander zu schlafen, womit man sich alle möglichen Katastrophen einhandelt. Aber Menschen wählen die Abhängigkeit, weil sie sich gut dabei fühlen. Das vergessen wir gerne, wenn wir über Süchtige reden."
Nan Goldin hasst das modische Gerede von der Ko-Abhängigkeit, bei der jemand, der mit einem Süchtigen zusammenlebt, dessen Sucht bald so behandelt wie der Süchtige selbst. Mittlerweile gibt es viele Bücher mit Ratschlägen, wie man sich solchen verflochtenen Abhängigkeitsverhältnissen entziehen kann. "Aber ich habe überhaupt nichts gegen diese Form der Bindung", sagt sie. "Es ist bei Paaren nun mal so, dass einer immer abhängiger vom anderen ist als umgekehrt. Der Ursprung des Wortes ist positiv besetzt: an jemandem hängen. Das ist aber mit Abhängigkeit, wie wir sie verstehen, nicht gemeint. Der negative Beiklang entsteht, weil wir von Beziehungen reden, die ohne seelische, emotionale Bindung sind."