Über den Triumph der Unterhaltung / von Martin Hielscher / SZ vom 13.08.2010
(farbige Markierungen von mir)
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Die - ebenfalls hochkommerzialisierte und in Wirklichkeit ähnlich entertainment-nahe - sogenannte Rückkehr der Religionen und des Spirituellen deutet auf die Bedürfnisse und Wünsche nach dem "Anderen", die die Menschen aus der erstickenden Immanenz eines zugleich immer anstrengenderen Lebens, auch des Überlebenskampfes, herausführen könnte. Im Politischen gibt es derzeit keine Instanz oder Gestalt, die auch nur ansatzweise solche Wünsche auf sich ziehen könnte. Reste davon waren spürbar bei der globalen Euphorie angesichts der Wahl Barack Obamas ins Weisse Haus in der USA. Ob er überhaupt noch eine Chance für eine zweite Amtszeit bekommen wird, ist jetzt schon ausserordentlich fraglich.
Die völlige Immanenz unseres derzeitigen gesellschafltichen Lebens und die Notwendigkeit, aus dieser Welt zu entfliehen - Eskapismus im guten Sinne, ressentimentfrei gedacht, war immer schon ein Grund für die Entstehung von Kultur -, führen dazu, dass die kulturellen Produkte sich diesen Fluchtwünschen widmen, zugleich aber den Konsumenten nichts mehr "abverlangen" können, weil das nur vermittelbar wäre, wenn diese Anstrengung auch belohnt würde, wenn ihr Schmerz, der Schweiss, der Verzicht auf sofortige Gratifikation einen erkennbaren Nutzen hätte, etwas, das man "mitnehmen" und gebrauchen könnte. Aber genau das wäre nur möglich, wenn es einen utopischen Referenzrahmen gäbe. Der aber ist weggebrochen.
Das führt dazu, dass zwangsläufig die unmittelbare Belohnung, der Instant-Genuss, der Spass, die Verständlichkeit, das Gelächter - und natürlich alle Spielarten des Sexuellen - Spannung und Thrill, Horror und Schock (in immer höherer Dosierung) notwendig implementiert werden müssen, um die Leute überhaupt "abzuholen". Unterhaltungsliteratur ist ja ein Produkt, das quasi automatisch gratifiziert wird - die genretypischen Merkmale beinhalten immer die Auflösung, das Ende entlässt den Konsumenten aus dem Fluchtort und der Fluchtlandschaft, und keine Fragen bleiben offen. Das ist zugleich die Parodie der Erlösung.
("Keine Lust auf Untergang. Gegen eine Trivialisierung der Gesellschaft", hrsg von Thomas Kraft und Norbert Niemann)