Nach dem gestrigen Ausflug in poetische Gefilde möchte ich mich heute einer Diskussion widmen, die immer mal wieder geführt wird.
"Würdest Du Deine Neigung aufgeben, wenn Du könntest ?" lautet die Frage.
Die Antworten darauf sind so vielfältig wie die Menschen. Und das ist wohl auch ein entscheidender Punkt, ob es einen anderen Menschen gibt, mit dem man es leben kann. Falls das nicht der Fall ist - häufig - gibt es schon ein gewisses Mass an Leiden.
Was mich daran stört ist die oft unausgesprochene Voraussetzung, man sei seiner Neigung "auf Gedeih und Verderb" ausgeliefert. Sprich : der Trieb ist stärker als man selbst. Falls das wirklich so empfunden würde, sollte man einen Therapeuten seines Vertrauens aufsuchen...
Die Realität der meisten sieht zum Glück anders aus.
Es steht einem frei, die Neigung zu gestalten oder besser: es gibt nichts anderes als freie Gestaltung.
Macht es wirklich einen so grossen Unterschied, ob man sich Sex wünscht oder ein Spiel ?
Sind Wünsche unveränderbar ?
Beides möchte ich verneinen. Wobei ich jetzt vorraussetze, dass man für sich akzeptiert hat, dass man "anders tickt".
Dann macht es keinen Unterschied. Dann ist es Bedürfnis nach Lust und Nähe und Geilheit, nur mit einer etwas anderen Farbe. Und mit diesem Bedürfnis lebt man dann, und es stehen einem alle Möglichkeiten zur Gestaltung offen, auch die Gestaltung von Gefühlen wie Frust, Enttäuschung, Angst etc. Allerdings mit dem Unterschied, dass ALLES intensiver ist.
Und vielleicht ist DAS der Punkt, der obige Frage auslöst, die Intensität. Nicht "das Perverse", sondern die damit verbundenen Gefühle.
Nach meiner Beobachtung wird oft versucht, zwischen Körper und Seele zu trennen, um die Intensität in Schach zu halten. Porno sozusagen.
Die Idee des "Aufgebens" besteht dann darin, sich die eigenen Untiefen nicht anschauen zu wollen. Legitim. Auch eine Entscheidung. Aber sicher nicht meine.
Meine Antwort auf die Frage ist "Nein" - wie nicht anders zu erwarten.
Meine Neigung entwickelt und verändert sich mit mir, mit dem, was ich erlebe, mit den Menschen, die mir begegnen. Es ist nichts Fixes, sondern immer in Bewegung, mal mehr, mal weniger stark. Und ich lerne dabei mehr über mich und andere, als in irgendeinem anderen Bereich meines Lebens. Tiefer und nackter.
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